| Friedrich Schulz, An der Kirche 12, 37574 Einbeck
www.friedhelm-schulz.de Einbeck, den 19. März 1996 An Birger Jesch home, Übersicht, Lieber Birger, ich hoffe, Dir geht es gut, und daß Du in dem langen Winter einen schönen wärmenden Ofen hattest! Schönen Dank für Deine schnelle Antwort damals, - und ich habe auch ganz brav die lange "Gazetta" aus Italien sofort ausgefüllt und nach Polen weitergeschickt. Und bekam von dort inzwischen auch schon die Zusicherung, daß es auch von Polen aus schon wieder unterwegs ist. Entschuldige aber bitte die lange Verzögerung dieser Antwort: ich mußte über manches neu nachdenken - das kann für einen einzigen Satz manchmal eine Woche kosten, - und dann kam vieles anderes immer zwischendurch. Es ging und geht bei mir aber in der Tat ziemlich alles drunter und drüber. Neben ganz dringenden und zeitaufwendigen Schreibarbeiten zu meinen neuen Mail-Art-News Nr. 23 bin ich dabei zu tapezieren, Wasser- und Elektroleitungen zu legen, zu gipsen und zu streichen, Fliesen und Teppiche zu legen, Möbel zu machen etc. etc. , - und das alles zugleich, weswegen es alles nervend langsam geht. Aber es zeichnet sich ab, daß ich in ein paar Monaten dann auch selbst Gäste empfangen kann. Daneben machte ich im späten Winter einerseits die letzten Früchte meiner Herbsternte des letzten Jahres aus dem Garten in Gläser ein und mußte bereits den Garten schon für den kommenden Sommer bearbeiten, wie Bäume beschneiden, düngen, umgraben u.s.w. wo alles schon grünt und blüht. Im Haus aber steht alles voll, Flur und Zimmer voll Gläser, Pinsel, Leitern, Farben, - und Berge von Büchern, Papieren, Kopien und Briefe, Du kennst das sicher. - Der Frost verschaffte mir - neben der Arbeit an zugefrorenen Rohren - aber auch Zeit für diesen Brief. Und versuche bitte diesen Brief als Beitrag zu meinem Thema "DIE POSTMODERNE"
oder "MAIL-ART" für meine Mail-Art-News 23 zu verstehen!
Aber es macht natürlich nichts, wenn Du keine Lust hast zu antworten oder weiterzulesen oder Dich überhaupt mit Kunsttheorie zu befassen. Da es nur über Kunst und Mail-Art geht, und Mail-Art weder verändern soll noch könnte, sind solche Gedanken in einer Weise natürlich überflüssig. (Ich würde Dich trotzdem gerne bald besuchen, - wenn mich auch
bisherzuerst Schnee und Eis, und dann die Arbeit hier von der Reise mit
dem Auto abschreckten. Eigentlich brauche ich Deine Hilfe für diesen
Brief; aber das wäre komisch.
Die anstehende Frage, was Mail-Art mit DADA, und was DADA mit Kunst, und was Kunst mit Philosophie, mit Wissenschaft, Soziologie, Religion und Politik zu tun hat, ist immer auch zugleich die Frage, "was Kunst ist", und ist damit ein praktisch unendliches Thema. Das Verdienst eines Aufsatzes wie "Anders Eigen" von Gregor Schwering
liegt denn auch zuerst darin, den Diskurs, d.h. einen Kontextumrissen und
abgesteckt zu haben, in dem das Thema heute diskutiert wird. Die Diskussion
darüber wird in zehn Jahren ganz sicher mit anderen Schwerpunkten
und Begriffen wie z.B. dem heutige Schlagwort "Identität" geführt
werden, denn ohne Zweifel erweist sich bereits jetzt die Identitätsfixierung
als Sackgasse, es sei denn, daß man am Ende der Sackgasse ganz bewußt,
statt dessen, was man damit erkennen und klären will, immer nur denjenigen
antrifft und auch meint, der etwas erkennen und erklären will, nämlich
sich selbst oder das Subjekt. D.h. solange man den Menschen als den anderen,
als ein vergleichbares Objekt neben anderen Objekten sieht - und nicht
im Verhältnis zur sich selbst - , wird genau das, worauf man mit der
Identitätsfrage hinaus will, verstellt.
Mit dieser Intention will ich im Folgenden denn auch alles was man heute als Identitätsproblem, Identitätsverlust oder Identitätssuche oder Identitätsfindung diskutiert, praktisch als Überthema mehr in dem Verhältnis von "Richtig", "Wahrheit", "Loyalität", "Parteinahme", "Gültigkeit" und "Allgemeingültigkeit" bzw. "Allgemeingültigkeitsanspruch" sowohl in der Kunst wie auch allgemein aufzeigen, und ich möchte quasi offiziell damit zugleich mögliche Mißverständnisse aufzeigen, die sich aus dem sehr schönen Aufsatz von Schwering (wie ich finde) ergeben können, - und zwar sowohl falsch und platt gegen ihn wie auch in falscher Weise für ihn -. Erkenntnis, Mitteilung und Proklamation. Es ist deswegen auch sehr, sehr gut, daß Du eine bestimmte "Sprache" zum Thema machst, - "mit der Du nichts anfangen kannst oder willst". Das ist ein echtes Grenzproblem wie natürlich auch sprachliche Kunsttheorie innerhalb der Kunst. - Natürlich schreibt man anders als man spricht, - einerseits, und
für Veröffentlichungen, also für ein anonymes Gegenüber
formuliert man nocheinmal anders, als in einem privaten Brief oder Dialog.
Sprechen, Veröffentlichen oder Schreiben sind also zwei in Stil und
Anspruch verschiedene Arten oder Formen, sich auszudrücken.
Sich z.B. von der irrigen empiristischen Vorstellung zu lösen,
daß Wahrheit als Übereinstimmung mit dem Objekt gelte, war neben
der Kantschen Philosophie sicher der entscheidende Schritt und Verdienst
der Künste des Abendlandes, sich nämlich von der aristotelischen
Abbildvorstellung zu emanzipieren, als habe man "hier". das Objekt und
"dort" die Erkenntnis und ihre Darstellung, und als könnte man die
Richtigkeit der Erkenntnis und ihre Darstellung anhand des Objekts nun
überprüfen oder beweisen; - eine Vorstellung, die bei Schwering
allerdings noch durchklingt, wenn er von innerer und äußerer
Wahrheit spricht, als sei das Objekt oder die objektive Wirklichkeit und
Wahrheit die äußere und die Erkenntnis des Objekts nun die innere
Wahrheit.
(Fußnote3: Nach dem ersten Erschrecken als einem Aufwachen aus der Euphorie von solch absolutistischer Aufklärung schauen wir, wenn auch ernüchtert, ja nicht auf ein solipsistisches Nichts. Sondern, wenn Prauss in seiner Rückführung der Struktur alles Erkannten auf den Erkennenden in "Die Welt und wir" folgert: Prauss, Seite 762 (beharrlich gegen Nacheinander) "Und das bedeutet insgesammt, daß eine und dieselbe Synthesis es ist, wodurch sich Subjektivität auf Objektivität bezieht, weil Punkt und Ausdehnung dabei ja nur die Formen von Begriff und Anschauung darstellen: Sich als Begriff nicht nur zu bilden, sondem auch noch zu Verwenden, sprich, sich auch zu Urteil, Aussage oder Behauptung noch zu bilden, heißt für Subjektivität ineinem, sich als Anschauung nicht nur zu bilden, sondern auch noch zu verwenden: dahingehend nämlich, jenen Gegenstand als das durch bloße Bildung von Begriff und Anschauung bloß vorgestellte Andere nunmehr durch sich auch hinzustellen als Wirklich-Anderes. Und das geschieht mithin gerade so, daß Urteil, Aussage oder Behauptung als nicht bloß gebildeter, sondern auch noch verwendeter Begriff sich dann auf Anschauung als ebenfalls nicht bloß gebildete, sondern auch noch verwendete beziehen: dahingehend nämlich, daß sie Anschauung als Ausdehnung in Form von Raum dazu benutzen, ihr Zugleich nach innen auch noch als Zugleich nach außen oder gegen Nacheinander hinzustellen, eben als etwas Beharrliches und darin zweifaches Zugleich, worin allein denn auch ein Wirklich-Anderes zu (762) solchem Nacheinander und mithin ein Objekt für ein Subjekt überhaupt bestehen kann.(Vergl.: B233 als existierend mithin als beharrend) Seite 765, 2. Abschnitt Was uns auf diese Art nunmehr als Grundstruktur von Objektiviität entgegentritt, ist somit dasjenige, was im Zuge unserer Herleitung uns immer wieder neu als Grundstruktur von Subjektivität entgegentrat, weil demgemäß die Grundstruktur von Objektivität auch in der Tat der Grundstruktur von Subjektivität entstammt: Daß nur das ein wirklich-anderes Objekt für ein Subjekt sein kann, was die durch ein Subjekt aus sich heraus für ein Objekt erzeugte Form erfüllt, bedeutet eben, daß auch umgekehrt nur das, was diese Form, indem es sie erfüllt, mithin erhält und so besitzt, ein wirklich-anderes Objekt für ein Subjekt sein kann, nämlich indem sie umgekehrt gewissermaßen wie vom Prägenden auf das Geprägte übergeht. Und dabei handelt es sich um genau die Form, zu der sich ein Subjekt zuallerletzt noch aus sich selbst heraus erzeugt, und das ist eben die von etwas, das Zugleich nicht nur nach innen, sondern auch nach außen ist, und damit die eines Beharrlichen. Prauss Seite 767 Mithin können hier auf dieser dritten Stufe in Gestalt von: Dies ist rot, und etwas Rotem, oder: Dies ist rund, und etwas Rundem, oder auch: Dies ist ein Tisch, und einem Tisch nur Wahrnehmung und Wahrgenommenes einander gegenübertreten. In genauester Entsprechung zueinander nehmen daher Wahrnehmung jeweils als Grundstruktur das innere Verhältnis von »Subjekt« und "Prädikat« an sowie Wahrgenommenes jeweils als Grundstruktur das innere Verhältnis von Substanz und Akzidens oder von Ding und Eigenschaft, Strukturen, welche demnach ebenso in Gegenüber zueinander wie in Einheit miteinander stehen. Und handelt es beim Wahrgenommenen sich jeweils auch im Gegensatz zur Wahrnehmung um Ausdehnung im Gegensatz zu Punkt, so ändert das doch überhaupt nichts daran, daß auch dieses innere Verhältnis innerhalb von Objektivität infolge seiner Abstammung von Subjektivität genau wie jenes innere Vcrhältnis innerhalb von Subjektivität nur einmal mehr und nun ein letztes Mal bloß Differenz innerhalb von Identität sein kann bzw. innerhalb von absoluter Einheit oder Einfachheit bloß Komplexion. Und in der Tat ist, wie Sie längst schon wissen, das Verhältnis zwischen Ding und Eigenschaft oder Substanz und Akzidens in jedem Obiekt ein VerhäItnis: von der Art, daß keines davon es vermag, ohne das andere aufzutreten, und von daher auch gerade das Verhältnis eines Differenten in einem Identischen bzw. einer Komplexion in einer absoluten Einheit oder Einfachheit. Von bisher ungelöster Problematik aber ist, wie Ihnen gleichfalls längst bereits bekannt, dieses Verhältnis deshalb, weil der Unterschied von Ding und Eigenschaft oder Substanz und Akzidens bislang nur negativ, nämlich nur dahingehend sich bestimmen läßt, daß eine Eigenschaft von einem Ding nicht Teil von diesem Ding, mithin auch selbst nicht Ding ist, und ein Akzidens einer Substanz nicht Teil dieser Substanz, mit hin auch selber nicht Substanz ist. Und so könnte auch erst die entsprechend positive, nämlich die BRestimmung, was denn sonst ein Akzidenz bzw. eine Eigenschaft sei, wenn nicht selbst Substanz bzw. Ding die Lösung bringen: wie auch sie erst endgültig verhindern könnte, beides immer wieder fälschlich zu verdinglichen bzw. zu versubstanzialisieren und auf diese Weise das Obiekt, das doch ge rade Einheit von Substanz und Akzidens bzw. Ding und Eigenschaft ist, zu zerfällen. " sollten wir mit Liebe und Verständnis zum Menschen das Konstatieren, Behaupten und Vertreten von Objektivität zuerst ja doch als Fähigkeit und Gabe annehmen und soweit bejahen, als dieses die Voraussetzung dazu war, zur Sprache, zu sozialen Regeln und zum heutigen Stand von Kunst und Wissenschaft und Zivilisation zu gelangen, wobei aber angesichts des modernen Fundamentalismus aufgrund einer empiristischen Verkennung solcher Objektivität die nun angesichts einer erreichten Qualität von technisch Machbarem wie der globalen Vernetzung der Menschheit anstehende Einsicht in die subjektive Bedingtheit des Konstativen, wie es Schwering mit dieser neuen postmodernen Begriffsbildung vorsichtig, wertneutral aber ja auch mißverständlich ausdrückt, nicht nur die Voraussetzung einer vernünftigen zwischenmenschlichen Beziehung, einer Zweierbeziehung oder Nachbarschaft ist, sondern wohl auch die Voraussetzung des Überlebens der Menschheit oder ihres Verbleibens in menschlichen Verhältnissen.) |
| Und wenn man dagegen bezüglich der Kunst der Meinung sein könnte,
daß Kunst mit Wahrheit überhaupt nichts zu tun habe, weil es
dort im Gegenteil nur um Schönheit und Unterhaltung, um reines Vergnügen
und dazu sogar bewußt unter Verzicht auf Wahrheit um gewollte Illusion,
Täuschung und mehr um künstliche Wirklichkeit gehe, - was ja
weder bestritten noch verändert werden sollte, - so wäre DADA
z.B. überhaupt nicht zu verstehen, wenn man dabei das quasi missionarische
Engagement in seinem Bezug z.B. auf die unsinnige Wirklichkeit des Weltkrieges
und zwar als Forderung von richtiger Einsicht, Vernunft, Wahrheit und Wahrhaftigkeit
außer acht lassen würde, von dem intuitiv noch grundsätzlicheren
Engagement ganz zu schweigen, das über den Anlaß ja auf dessen
Ursprungsproblem hinaus will, und damit das Problem und Thema der Moderne
von Form und Wahrheit neu thematisiert.
Über diese hier nur angedeuteten Formen der Ausdrucksweisen hinaus
ist die Sprache selbst natürlich ebenfalls als eine Form zu verstehen,
wobei es z.B. ja eine deutsche, eine englische oder französische Form
gibt.
Diese mehr angedeuteten Überlegungen sind mir - praktisch als Vorrede - deswegen wichtig, weil sie bezüglich der Proklamation als Form in dem schönen Aufsatz von Schwering eine entscheidende Rolle spielen, auf den ich gleich zu sprechen komme. DADA hat ja meine Sympathie, weil er in genau diesem Treffpunkt von Form, Inhalt, Wahrheit und Glaube bezüglich der politischen Situation wie der Kunst und auch wie der Sprache zumindest intuitiv Bewußtsein herstellt, und vor allen Dingen durch Persiflagen, durch Kritik, Übertreibungen und lautes Spektakel darauf aufmerksam macht, daß weder die Sprache selbst noch auch die zusätzliche Form einer Aussage, sei sie die private oder offiziöse mit Uniform und staatlicher Autorität aufgeputzte oder auch irgendwelche Sprüche noch nicht die Wahrheit, Wahrhaftigkeit oder Wirklichkeit oder Vernunft und Richtigkeit des Gesagten solcher Aussage bedeutet oder garantiert, so daß man ihr folgen müsse oder blind folgen könne. So war der Hintergrund des Beginns von DADA 1916 in der Schweiz durch eine Reihe von Künstlern wie Hugo Ball, Tristan Tzara, Hans Arp, Otto van Rees, Christian Schad, Sophie Täuber, Francis Picabia und in USA bei Walter Conrad Arensberg mit Marcel Duchamp, Alfred Stieglitz, Picabia, Man Ray Schamberg, Pach, Covert, Dove und viele andere die gemeinsame Ablehnung des Massakers von Marne und Verdun: Nahezu 3 Millionen Soldaten, Deutsche und Franzosen, hatten sich mit voller Begeisterung bereits gegenseitig getötet, und die Freiwilligen drängten mit lautem "Hurra" auf beiden Seiten nach und wurden dabei von ihren Lehrern und Vorbildern noch angefeuert. Ich stelle mir das Desaster manchmal so vor, als ob irgend ein Signal in dem ganzen Pathos jener Zeit - und zwar auf beiden Seiten - ( Die Bücher jener Zeit liegen ja noch in den Antiquariaten herum.) die logische Vernunft außer Kraft setzte, wie vielleicht bei den Walen, die wahrscheinlich durch irgendein Signal veranlaßt werden, an Land zu schwimmen und massenhaft zu verenden. Die Antikriegshaltung der DADAisten war sicher vernünftig und nicht
einmal Pazifismus. Und der Weltkrieg oder beide Weltkriege waren mehr als
nur einfach Rückfall in Barbarei und Unvernunft. Ganz im Gegenteil
war ja der Bildungsstand der Kriegsparteien nicht nur der höchste
der Welt, sondern höher als zu je einer anderen Zeit der Menschheitsgeschichte.
Und diese Kriege als ein Phänomen der "Moderne" und der "Aufklärung"
ist derart bis heute noch nicht verstanden. Der Aspekt wird zumindest einsichtig,
wenn man die Parallele zieht, daß die Gefahr einer atomaren Verseuchung
der Welt, wie natürlich auch der Protest dagegen erst dann machbar
und denkbar ist, wenn man einen bestimmten Bildungsstand mit dem entsprechenden
Bildungsbewußtsein voraussetzen kann. Oder noch allgemeiner: Wie
ein Kind erst mit einem bestimmten "Reifegrad" sowohl gegen sich selbst
wie gegen seine Umwelt einen entsprechend größeren Unsinn anstellen
kann, insbesondere, wenn der Fähigkeit, etwas zu bewerkstelligen,
noch keine Erfahrung und entsprechende mögliche Vernunft bezüglich
der Folgen zur Seite steht. Dieses gilt auch für die Anwendung von
Sprache. Im Unterschied aber zu dieser rein technischen Machbarkeit wie
z.B. einer atomaren Verseuchung, mußte man, um einen Krieg machen
zu können, Geldgeber, Soldaten und Bevölkerung mobilisieren können,
d.h. hier mußten bestimmte Wahrheiten, Werte, Gültigkeiten,
Kultur, Religion, Wissenschaft und selbst Philosophie, Soziologie und Kunst
zu diesem Irrsinn des Krieges instrumentalisiert werden können.
Fußnoten
und das bedeutet dasselbe wie
Ich weiß nicht, ob es zwischen Frege (geb. 8. 11. 1848 in Wismar
gest. 26. 7. 1925 )und der modernen Malerei Beziehungen gab, es ist aber
eher unwahrscheinlich, wenn er von den Impressionisten und dem neuen Selbstverständnis
der Expressionisten, von der »Brücke« in Dresden, von
E. Heckel, E.-L. Kirchner, M. Pechstein, K. Schmidt-Rottluff, vom. »
Blauen Reiter« in München, von F. Marc, W. Kandinsky, A. Macke,
G. Münter, A. Kubin, von den antibürgerl. Protesten der Surrealisten
u. Dadaisten M. Ernst, K. Schwitters, G. Grosz keinerlei Kenntnis mehr
bekommen und in dem Streit um den Wahrheitswert einer augenscheinliche
Ähnlichkeit nicht die moderne Position eingenommen haben sollte. Es
ist gleichgültig, wieweit Du Dich im Einzelnen auf die Gedanken Freges
einlassen möchtest und einläßt, ( die eigentliche Bedeutung
von Frege und seinen Aussagen würdest Du ohnehin um so weniger erfassen,
je mehr Du seine faszinierenden Gedanken als endgültige wahre Lehre,
als eine Art dokmatisierbaren Evangeliums annehmen wolltest). Wenn Du z.B.
mein Zitat aus dem Dialog Freges mit dem evgl. Theologen Bernhard Pünjer
liest , und Du von dem rein Gedanklichen etwas Abstand nimmst wie von einem
Bild der Moderne, wobei in dem Dialog der Unterschied von dem Wort "ist"
bei der möglichen Bedeutung im Sinne von existierend und der anderen
möglichen Bedeutung von haben, (wie eine Farbe oder Form haben) die
Rede ist, und den Auswirkungen auf Schlußfolgerungen bezüglich
von Gegenständen, Begriffen und Vorstellungen, wenn man beides gleichstellt
oder verwechselt, so siehst Du erst im Abstand, daß z.B. erst Freges
Voraussetzung des Selbstverständlichen, wie in der Malerei den möglichen
Irrtum und zugleich die Fragwürdigkeit der Wahrheit im Selbstverständlichen
erkennbar macht. So sind auch seine Verzerrungen Freiheitsdemonstrationen,
wie z.B. der Satz "Einiges Seiende fällt unter den Begriff des Nichtseienden."
oder "Es gibt Gegenstände von Vorstellungen, welche Gegenstände
nicht erfahrbar sind.", ohne die Freiheiten der Moderne kaum denkbar. So
wie ich heute nicht nur in diesem Brief unmittebar und indirekt von der
"Wende 1989" beeinflußt bin, wobei Wende ja bedeutet, daß man
vorher vom Sozialismus und seiner Weltanschauung eher fürsorglich
wie von einem behinderten Kind sprach, während solche Weltanschauung
mir heute eher wie ein drohendes Monster und Schreckgespenst Alpträume
bereitet, wobei solcher "Sozialismus", in gleicherweise wie vorher undurchdacht
und nur grausam perfektioniert, ja nicht von der denkträgen SPD oder
PDS zu befürchten wäre, sondern eher von einigen Öl-, Medien-
und Zigarettenmultis zur Arbeitsbeschaffung einfach deswegen realisiert
werden könnte, weil der Geldumlauf über die Sozialämter
und Staatskassen zu träge läuft und die Weltwirtschaft abwürgt,
und sicher nicht von Moskau sondern eher von Chicago aus.
Sicher wäre es trotzdem wohl übertrieben, von einem Einfluß
der Kunst auf die Mathematik der Jahrhundertwende zu sprechen. Keinesfalls
werde ich aber dem sonst wohl verdienstvollen Fregeherausgeber, Gottfried
Gabriel, glauben, der vielleicht ungewollt mit dem verstreut gebrauchten
Wort "Dichtung" in Freges Schriften dem Mathematiker die verballhornte
Bedeutung von "Dichtung und Wahrheit" als Ansicht anhängt. etwa
derart aber unwillkürlich denke ich bei vorigem Texten wie überhaupt
bei Frege an Paul Césanne und Pablo Picasso, an DADA, an den Surrealismus
und an Bruno Ernst und M. C. Escher mit den perspektivischen Unmöglichkeiten,
und sicher ist Frege samt der Situation der Mathematik ein Kind oder ein
Ereignis der Moderne und des gleichen Qualifikationsgrades an Reflektionsbereitschaft.
Ein Mathematiker und Philosoph wird mich deswegen wahrscheinlich für
gänzlich inkompetent halten, wenn ich unbesehen, d.h. ohne das Richtige
zu behaupten, viele Behauptungen Freges oder womöglich alle für
falsch halte, wie ich auch die Regeln des Schachspiels als Widergabe der
Wirklichkeit für falsch halte, die die Prämisse zu einer Schlußfolgerung
zu sein scheinen, wobei ich aber die Schlußfolgerung oder die folgende
Aussagen dann für wichtige Erkenntnisse halte, die ohne jene Verzerrung
gar nicht erkennbar geworden wären, weswegen ich eben auch in gleicher
Weise nicht das Bedürfnis oder die Notwendigkeit empfinde, auf die
anatomische Richtigkeit oder Falschheit in moderner Malerei hinzuweisen,
wie etwa auf die oft in der Höhe versetzten Augen in Porträts
bei Picasso.
Konkreter können wir uns aber nach Frege vorstellen, um es einfach
zu machen, daß z.B. ein künstlich gefertigter Gegenstand einen
Namen bekommt, wie z.B. "Tisch", wobei dann dadurch, daß
|
| auf das wir bei Frege derart reflektieren können, wie bei jeder
abstrakten oder ungegenständlichen Malerei oder Plastik.
Wenn Frege dann einen Gegenstand folgendermaßen beschreibt: Frege: "Funktion und Begriff" (15) "Wenn wir Gegenstände ohne Einschränkung als Argumente und als Funktionswerte zugelassen haben, (von mir als Beispiel: "Diese in Form und Farbe sichtbare, fühlbare Kunstruktion oder dieser Gegenstand ist ein Tisch.") , so fragt es sich nun, was hier Gegenstand genannt wird. Eine schulmäßige Definition halte ich für unmöglich, weil wir hier etwas haben, was wegen seiner Einfachheit eine logische Zerlegung nicht zuläßt. Es ist nur möglich, auf das hinzudeuten, was gemeint ist. Hier kann nur kurz gesagt werden: Gegenstand ist alles, was nicht Funktion ist, dessen Ausdruck also keine leere Stelle mit sich führt. Ein Behauptungssatz enthält keine leere Stelle, und darum ist seine Bedeutung als Gegenstand anzusehen. Die Bedeutung aber ist ein Wahrheitswert. Also sind die beiden Wahrheitswerte (von mir: "der Formel e’(e-4e) = á(a’[a-4])") Gegenstände." · · · · · dann ist dieses nichts anderes als ungegenständliche Malerei oder Darstellung, in der in gleicher Bescheidung oder Unbescheidenheit nicht mehr abgebildet wird, oder eine Abbildung als Ebenbild angestrebt bzw. vorgegeben sondern nun bewußt etwas samt und durch Kontext als Abbildungsgegenstand gezeigt, gezeichnet oder angedeutet wird. Dieser Vergleich der Mathematik mit DADA, mit Mail-Art und der Malerei
klingt nun in der Tat vielleicht ziemlich abstrakt und bis hierhin vielleicht
sogar wie an den Haaren herbeigezogen. Und vielleicht hat jemand den Eindruck,
daß ich mich mit großen Namen schmücken und wichtigtun
möchte, wenn ich im Folgenden neben Frege auch Kant und Prauss zitiere,
weil ich nun tatsächlich von der Mathematik keine und von der schulischen
Philosophie wenig Ahnung habe.
Wie sehr Wahrheits- und Gültigkeitserwartung mit dem ganz unbewußt
gelebten falschen wie richtigen Glauben in Verbindung und Abhängigkeit
besteht, magst Du empfinden, wenn Du einmal ein paar Zeilen des großen
deutschen Philosophen Kant liest, den man wegen seiner Aussagen als ungläubigen
Atheisten und Gottesleugner beschimpfte.
(Kant: Die Methaphysik der Sitten (A 104) Band 8, Seite 576)
Metaphysik der Sitten, Seite 586 und 587 (A120,121) Die Pflicht der Nächstenliebe kann also auch so ausgedrückt
werden: sie ist die Pflicht, anderer ihre Zwecke (sofern diese nur nicht
unsittlich sind) zu den meinen zu machen; die Pflicht der Achtung meines
Nächsten ist in der Maxime enthalten, keinen anderen Menschen bloß
als Mittel zu meinen Zwecken abzuwürdigen (nicht zu verlangen, der
andere solle sich selbst wegwerfen, um meinem Zwecke zu frönen). Dadurch,
daß ich die erstere Pflicht gegen jemand ausübe, verpflichte
ich zugleich einen anderen; ich mache mich um ihn verdient. Durch die Beobachtung
der letzteren aber verpflichle ich bloß mich selbst, halte mich in
meinen Schranken, um dem anderen an dem Werte, den er als Mensch in sich
selbst zu setzen befugt ist, nichts zu entziehen.
Denn unabhängig von dem gedanklichen Inhalt, der besonders ab Seite
586 neutestamentlich und in der Logik fast paulinisch ist, erkennt man
die christliche Religiösität Kants doch daran, wie er die indirekte
Botschaft des Christentums, die das Abendland fast 2000 Jahre eingeübt
hat, als selbstverständlich voraussetzt, daß nämlich gerade
solche Gefühle wie Glaube, Liebe, Hoffnung, die unser soziales Handeln
und Verhalten bestimmen, von den anderen Sinnesempfindungen unterscheidet,
denen wir eher schicksalhaft unterworfen sind, wie Kälte, Schmerz,
Hunger, Salzig, Hell u.s.w., was in der Geschichte des Abendlandes einerseits
zu den Widersprüchlichkeiten und Unarten führte, daß, wenn
nun der Mensch für solche Gefühle verantwortlich ist, er ja auch
ihnen gegenüber frei ist, so daß man ihm einerseits, dieses
oder jenes zu glauben, zu lieben oder zu hoffen dann auch befehlen kann,
weswegen man den Menschen dann auch wegen Ungehorsam bestrafen konnte,
wenn er etwas anderes glaubte, liebte oder hoffte, als es befohlen - oder
allgemein üblich - war, während andererseits diese Freiheit als
Bestandteil und Botschaft des Christentum sowohl die schicksalshafte Abhängigkeit
beendete, aber am Ende auch zur Beendigung des Mißbrauchs solcher
Freiheit führen muß, was unseren Theologen und Philosophen bis
heute noch nicht recht aufgegangen ist, was aber von den Nazis nicht anders
als von den sozialistischen Ideologen, wie - genau besehen - auch von Anarchisten,
Atheisten und selbst Antichristen als heute selbstverständlich immer
noch vorausgesetzt wird.
Schwering beginnt sein Statement, indem er die Theorie aufzeigt und
kritisiert, als ließe sich eine bestimmte Eigenart der postmodernen
Gesellschaft durch eine quasi Spinozische Lethargie aufgrund einer cartesianischen
Weltansicht erklären.
Karikaturisten wie Grosz machten sich über die Generäle und
Kriegsgläubigen als Dummköpfe lustig, man fühlte aber nirgendwo
so konsequent wie bei DADA, daß die Problematik dieser Idiotie nur
sehr viel grundsätzlicher, noch grundsätzlicher als bei Kafka,
Camus, Musil, Broch, Brecht anzugehen war, und zwar als grundsätzlich
neu zu verstehendes Verhältnis von Wahrheit und Werten im Zusammenhang
mit Form. Und obwohl man Schwering kaum als DADAist bezeichnen würde,
liegt der Verdienst seines Aufsatzes, und zwar in dem Teil, den er als
seine eigene Theorie aufbaut, daß er die Problematik der "POP-Kultur",
und er meint damit auch die "Postmoderne" allgemein, in dem Verhältnis
oder Mißverhältnis zu Symbol und Inhalt sieht.
(Bis hierhin in Nr. 23 ausgedruckt) Erst GEROLD PRAUSS ist heute nach den gemachten Erfahrungen einerseits
und wahrscheinlich durch den Komfort elektronischer Textverarbeitung wie
durch einen einmaligen Scharfsinn in der Lage, den Irrsinn solcher recht
kompliziert gelagerten Widersprüchlichkeiten zu erklären, (Siehe
Textauszug am Ende!) worauf ich hinweisen will.
Art-Strike, DADA und Leninismus Ohne Zweifel ein Denker, saß in der Schweiz wenige Straßen
von den DADAisten entfernt der Intellektuelle Lenin (Wladimir Iljitsch)
und verstand im Prinzip richtig aber eben einseitig und auf einen einzigen
Grund reduziert, daß in diesem Ersten Weltkrieg die Welt und die
Menschheit als Objekt verstanden und behandelt und von "bösen hab-
und machtgierigen Monarchen und Geldmenschen" mit recht einfachen Sprüchen
und Symbolen intelligent mißbraucht werden konnte und wurde, - er
übersah aber, warum auch diese Akteure durchaus in gutem Glauben so
handelten.
Man muß sich dabei den Unterschied nicht nur in der Denkrichtung, sondern auch im Verhalten dieser beiden Erscheinungen wie Leninismus und DADAismus vor Augen halten: Während Lenin das Bessere und Richtigere in einem besseren und richtigeren Ismus als Basis für eine bessere Einsicht, Vernunft und Strategie des Machbaren suchte, wobei er durchaus - schon wegen seiner guten Absicht - die Sympathie der DADisten hatte, war DADA im Gegenteil gegen jederlei Ismus, selbst gegen DADAismus und war gegen jeden Wahrheitsanspruch jedweder Form. Selbst die Sprache war für DADA als feststehende Form ohne selbstverständliche Bedeutung und Gültigkeit. Natürlich stand DADA dabei in der Tradition der Modernen, die sich in der Kunst längst vom Diktat des Formal-Augenscheinlichen und -Selbstverständlichen befreit und eine davon unabhängige Wirklichkeit probiert und erobert hatte. Dieser Konflikt mit dem Zusammenhang von Form und Gültigkeit bzw.
Wahrheit wird bei der heutigen Diskussion um die Postmoderne erst ganz
bewußt und in geradezu aufdringlicher Weise aktuell und zwar als
Prozess von oder zur Vernunft und Einsicht - wenn er sich bei DADA auch
ganz intuitiv vollzog und bis heute mit allen möglichen und vielleicht
anderen Theorien und mehr ästhetischen oder psychologischen Motiven
begründet wird, die ja alle auch ihre Richtigkeit haben können.
Eine recht negative Sicht.
Wie sehr solches aber als Auffassung nur undurchdacht, oder nur reine,
vereinfachende Argumentation im Sinne plausibler Sprüche ist, wieweit
hinter solcher Vereinfachung und Überzeichnung zugleich nur Besorgnis
oder Warnung zu sehen ist, oder, wie ich es meist sehe, Warnung genau vor
solcher Vereinfachung, ist sicher von Fall zu Fall je nach Intelligenz,
Alter oder nach der Positition der eigenen Interessen oder der Situation
solcher Aussage ganz verschieden. Ich will mir die Schilderung im einzelnen
ersparen, ob z.B. ein Geschäftsmann, der eine Mode vermarktet, solches
mit Verachtung für seine Zielgruppe tut, oder aus Begeisterung für
diesen Trend, oder ob es Eltern, Schule u.s.w. um die "Werte", um Sorge
für ihre Kinder oder nur um vertraute und funktionierende Ordnungsregularien
geht.
Was im allgemeinen Diskurs, was im Essay von Schwering als Selbstkritik
der Szene, und was im ersten oberen Kasten als Definition immerhin erst
noch Theorie ist, über die man sich vielleicht noch streiten kann,
erhält mit der weiteren Verkürzung zum Wort oder zur Bezeichnung
nun Wahrheitsfunktion. Was also in der Theorie noch berechtigte oder unberechtigte
Kritik oder ungenaue bis falsche Analyse oder auch nur eine kurze und verkürzte
Beschreibung ist, über die man diskutieren kann, wird oder führt
mit der weiteren Verkürzung zum Wort dann zu einem (scheinbar) unlösbaren
fundamentalistischen Konflikt, und zwar, weil mit der Verkürzung zum
Wort die Theorie mit all ihren Fehlern praktisch institutionalisiert und
Teil der Sprache wird, womit die Kommunikation abbricht und die Konfronation
zementiert wird.
Natürlich kann und soll man die Ablösung bestehender "Realitätsmodelle"
als die Überwindung von fundamentalistischem Provinzialismus, von
fundamentalistischem Nationalismus, von Kleinstaaterei als etwas Positives
sehen.
Kindische Selbstgerechtigkeit und Weltherrschaftsträume sind natürlich
die eigentlichen Makel (Zitat 4) und nicht die begrenzte Gültigkeit
jener Codes und Symbole der Rockszene.
Natürlich frage ich mich an dieser Stelle, wie Ihr OSSIS kurz nach
der Maueröffnung das allgemeine Treiben im Westen empfinden mußtet,
was hier als die Postmoderne diskutiert wird - (mal abgesehen von der sicher
nervenden Penetranz, mit der jeder WESSI den kleinen "Gültigkeitsvorsprung"
als Überlegenheit auskostete,) - ; sicher haben die WESSIS einen ordentlichen
Schub an Selbstvertrauen gewonnen, - und genaugenommen, wenn wir uns die
oft komischen Eitelkeiten und Verletzungen verzeihen, haben beide Seiten
gewonnen. Ganz aktuell war das Ereignis sicher ein Erlebnis außerhalb
unseres Themas; es sei denn, daß man vom Osten her unsere Probleme
mit etwas mehr Abstand und Sachlichkeit sehen und beurteilen könnte.
Die gängigen konformen und nonkonformen Sprüche waren auf beiden Seiten im Osten natürlich verschieden von denen im Westen, und leider bin ich nicht in der Lage, - und es würde hier auch zu weit führen, - sie inhaltlich zu vergleichen. In der Funktion - und zwar als Wahrheitsanspruch - waren sie natürlich gleich. Ich mußte jetzt gerade einen langen Brief an eine recht einfache,
ältere Frau von fast 80 Jahren schreiben, die aus einer kleinen Freikirche,
der Sekte der "Zeugen Jehovas", herausgeschmissen worden war, weil sie
gewagt hatte, allzu eigene Ansichten zu äußern, und (mir) nun
im Begriff schien, von einer anderen, schlimmeren Sekte eingefangen zu
werden und die mich um meine Meinung gefragt hatte, und der ich aus diesem
Grunde das recht komplizierte Verhältnis von Form und Inhalt in einer
Religion auseinandersetzen mußte, und der ich damit zugleich zu zeigen
versuchte, wie leicht sich die üblesten Machenschaften hinter frommen
Formen als Inhalte verkleidet verstecken lassen - (was mir allerdings wohl
kaum richtig gelungen ist, weil mir das ganze Problem erst mit diesem Brief
richtig klar wurde), und ich mußte in einer einfachen Sprache sprechen.
Aber das ist recht umständlich, und man braucht mehr Seiten. - Allerdings
auch Übung und guten Willen. Es gibt für diese komplizierten
Strukturen sowohl bei den "Zeugen Jehovas" wie auch in den großen,
alten Kirchen natürlich gebräuchliche Sprüche, Sentenzen,
Sprachregelungen, die oft langsam über Jahrhunderte entstanden sind
und oft mühsam erarbeitet und manchmal sogar erst nach hohem, kaiserlichen
Entscheid gültig wurden, und es gibt solche Sprüche natürlich
auch von den jeweiligen Gegnern, die jedoch als feststehende, geläufigen
Redewendungen, mit denen man ganz einfach, kurz und bündig andeuten
kann, was man meint, wozu man gehört oder gehören möchte,
kaum den gedanklichen Inhalt und erst recht nicht die inhaltliche Schwierigkeit
und noch viel weniger die Wirkung auf den Menschen deutlich machen, sondern
im Gegenteil als Vereinfachungen und Schlagwörter wie Knüppel
oder Parolen einen kommunikativen Trennungsstrich bedeuten können.
Vereinfacht:
Wahrheitsanspruch zu Wahrheitserwartung
|
| Ungenauigkeit, als denke der Mensch in Sprache, was als Denkfehler
selbst von zeitgenössischen großen Philosophen wie selbstverständlich
übernommen wird.
Wir würden dabei mehr als das Tausendfache pro Sekunde sprechen müssen, als wir es ohnehin tun, und keine Zunge würde dieses physisch schaffen. Trotzdem geht aber natürlich eine Theorie, ein Fanatismus oder auch ein Wort, wie jede Behauptung, die nicht eine bewußte Lüge oder nur Rhetorik ist, (soweit man auch dabei von einer nur rein strategischen Aussage sprechen darf), letztlich auf eine Erkenntnis zurück, und zwar um so mehr, je ehrlicher der entsprechende Mensch ist. Und so ist es eine Tragik einerseits, daß ausgerechnet die ehrlichen und redlichsten Menschen, in gutem vertrauensseligem Glauben durch solche Form von Gültigkeits- als Wahrheitserwartung verführt Opfer von solchen versteckten Denkfehlern werden, die in Worten, Sprüchen und Theorien tief vergraben liegen, andererseits sind es gerade solche Denkfehler, die die verbreitete und sehr verbreitet praktizierte Unsitte verstärken, als sei Wahrheit und Richtigkeit ein rein rhetorisches Problem, weil man gerade wegen solcher inhärenten Denkfehler in Lehren, Sprüchen und Worten mit "Sprüchen" die Wahrheit in verblüffender Weise totschlagen oder mundtot machen oder ganz strategisch für die eigenen Ziele einspannen kann. Als Beispiel dient mir oft die folgende Anekdote: Als im Dreißigjährigen Krieg fast 2/3 der deutschen Bevölkerung unter grausigsten Umständen Tod und Armut erlitten, diskutierten die Theologen über das Problem, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz hätten; dieses Thema erscheint angesichts des endlosen Krieges selbst heute noch absurd, wie es absurd scheinen könnte, die Kunst von DADA in einem schicklichen Verhältnis zum Ersten Weltkrieg zu sehen; aber wie DADA zum Ersten Weltkrieg waren auch die Theologen damals dem Problem der Ursache des Krieges durchaus näher, als Kaiser, Wallenstein und Tilly mit ihren strategischen Überlegungen, und auch einer Lösung, - die sich aber erst in unserer Gegenwart abzeichnet; und desgleichen diese Künstler, wie ich aufzeigen will. Wie weit nämlich jene Theologen und DADA wie auch Schwering in seinem Statement in gleicher Weise - wenn auch alle mehr intuitiv und vielleicht in alchimistischer Zufälligkeit - dem eigentlichen Problem und dessen Lösung näher waren als Marxs, Lenin, Kaiser und alle Hurrapatrioten und Strategen der Kriege, wenn man diese Kriege als Folge verhängsvoller Denkfehler sehen will, zeigt sich eben nur, wenn man den Gedanken auf die Erkenntnis zurückführt, und den Fehlschluß auf einen Erkenntnisfehler. Den guten Aristoteles habe ich zitiert, weil er als gemeinsamer Lehrer christlicher und islamischer Theologen und Traditionen mit seiner Disposition auch die Dispositionen beidseitiger Fundamentalismen lieferte, die in der christlichen Welt hauptsächlich durch den Fundamentalismus eines empiristischen Materialismus und im Islam die Gegenposition aufrecht erhält, als könne und solle mit Wissenschaft und Rationalität der Glaube an Gott widerlegt und beseitigt werden. Sehr deutlich und einsichtig wird dies, wie sehr nämlich der islamische Fundamentalismus mit der postmodernen Subkultur korreliert, wenn Du die folgende Polemik des Abd al Qadir as-Sufi mal durchliest, die auch von den "Zeugen Jehovas" stammen könnte: Abd al Qadir as-Sufi, Totenbuch des Islam, Seite 17-18 "Die schützende Einnebelung (durch Wissenschaftlichkeit) in ein
Gebaren, das auf einfallsreiche Weise Einfühlungsvermögen vorspiegelt,
wird es dem Mißtrauischen verwehren, das anthropologische Vorgehen
als den destruktiven Prozeß zu erkennen, den es tatsächlich
darstellt. Die Anthropologie, in sich ein zutiefst anti-existentieller
Prozeß, ist im Grunde die Pseudo-Wissenschaft, die man benutzt, um
unsere gegenwärtige technologische Gesellschaft über Wasser zu
halten und sie mit einem Schutzschild der Geschichtlichkeit zu umgeben,
indem man mit ihr die Evolutionstheorie nicht nur auf biologischer, sondern
auch auf historischer und sozialer Ebene «beweist«. Anthropologie
ist nicht die Sammlung der Erkenntnisse dieser Pseudo-Wissenschaft, sondern
die Methode selbst. Man versteht sie deshalb besser, wenn man sie als unechte
Religion ansieht. Ihre Priesterschaft sind die Experten, ihre Tempel sind
die Universitäten, ihr Bekenntnis ist der »Fortschritt«,
ihr Glaube ist utopisch, und ihr erklärter Feind ist die Weisheit.
Dieses total irreführende, wenn auch brillant ausgeklügelte System
von Einbildungen hat Millionen von gebildeten Muslimen ganz zu schweigen
von den aufrichtig Wissensdurstigen unter den Kafirun (Ungläubigen,
Mehrzahl von "Kafir") den Zugang zu dem großen Gebäude der Weisheitsbücher
des Islam versperrt. Es ist bezeichnend, daß nach zwei Jahrhunderten
der akademischen Forschung von Kafir-Gelehrten und »Orientalisten«
nicht eine der großen Sammlungen von Hadithen oder aufgezeichneten
Aussprüchen und Taten des Gesandten Mohammed, der Friede und Segen
Allahs seien mit ihm, in eine europäische Sprache übersetzt war.
Und doch ist ein Gebäude »fundierter« Studien von europäischen
Juden und christlichen Gelehrten zustande gekommen, die der akademischen
Welt erklären, sie hätten diese Werke un-
Wobei der Begriff "Wissenschaft" als Wahrheits- oder Wertattribut eben
bereits einen Denkfehler enthält, den auch Prauss, und zwar mit der
gleichen Metapher als eine quasi versteckte Religiösität oder
Abergläubigkeit attakiert, den aber Abd al Qadir as-Sufi dann für
seine eigene "Wissenschaft des Traumes" praktisch in der gleichen Funktion
eines Gültigkeitsattributes für sich einspannt, wenn er seine
an-und für-sich richtigen Überlegungen am Schluß mit den
Worten
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| Lieber geil als Cruise-Missile.
Nepal statt Napalm! Wahn und Wissen gegen Wehr und Waffen! Petting statt Pershing! Der Enkel und sein Opa wollen Frieden in Europa. Lieber soziales Klimbim als atomares Bumbum. Spaltet Holz und keine Atome! Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt! Legal - illegal - scheißegal! Wir lassen uns nicht einmachen, kleinmachen, gleichma- chen! Ein kluges Wort und schon ist man Kommunist. Immer heiter - der Häuserkampf geht weiter! Wie der Faschismus - wieder Faschismus - wider Fa- schismus! Auf die Dauer hilft nur Frauenpower! Breit sein, frei sein, Terror muß dabei sein! Instandbesetzen - statt kaputt besitzen! Lieber alternativ als passiv. Haut die Bullen platt wie Stullen! Ich bin gegen alles! Ich bin dagegen! Wir sind die Null-Bock-Fraktion! Seid realistisch - fordert alles! Wir wollen alles - jetzt! Macht kaputt, was Euch kaputt macht! Keine Macht für niemand! Das Chaos sei willkommen - die Ordnung hat versagt. Besser FKK als FDP. Es gibt viel zu packen - tun wir's ihnen an. Lieber kopulieren als koalieren! Mollis statt Müsli! Quarkrahm statt Startbahn! Radfahrer aller Länder. vereinigt Euch. Ihr habt nichts zu verlieren als Eure Ketten. Sägt die Bonzen ab - laßt die Bäume stehen. Seid furchtbar und wehret Euch! Seid unrealistisch - verlangt was Ihr wollt! Sprengt Euren Rasen - und alles andere auch in die Luft. Was lange gärt wird endlich Wut. Anton statt Beton. Haut den Bossen auf die Flossen. Randale! Anarchie statt Lethargie! Anarchie auch für Sie! Anarchie ist machbar, Herr Nachbar! Mit Anarchie und LSD bekämpfen wir die BRD. Alle Macht der Phantasie! Überall, wo wir sind, herrscht Chaos - aber wir können nicht überall sein. Genug ist nicht genug - wir wollen alles jetzt! Kein Bock auf nix! Null Bock! Wir sind die Null-Bock-Fraktion. Ohne Rock kein Bock! Wahnsinn, das ganze Leben ist Wahnsinn. Jugend 1983: Das Produkt des deutschen Wahnsinns! No future! No hope, no dope, no future! Wie es ist, ist es Mist! Der ganz normale Wahnsinn. Du hast keine Chance, darum nutze sie! Zukunft wegen Mangel an Beteiligung abgesagt. Ratschläge sind auch Schläge. |
Einstein ist tot, Newton ist tot- und mir ist auch schon ganz
schlecht. Alle sind zufrieden - keiner ist glücklich. Ich geh' kaputt - wer kommt mit! Dreht Euch nicht um, der Frust geht um. Man hat's nicht leicht - aber leicht hat's einen. Das Leben geht weiter - aber ohne uns. Zerstör, was Dich zerstört - zerstör Dich selbst! Solange wir die Freiheit haben, zu träumen, träumen wir, die Freiheit zu haben. High nun - denn morgen können wir tot sein. Hört auf zu weinen, das war erst der Anfang. Es ist unwichtig, wo wir den Rest unserer Tage verbringen - es sind nicht mehr viele. Let's fetz! Love is beautiful! Wir gehen nach HolIywood die Sonne putzen. Wir sind wir - und wir machen, worauf wir Bock haben! Die Leute hier sind alle zubetoniert. Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Wären wir alle Ratten und Schmeißfliegen, ließen wir den Scheiß liegen. Ramba-Zamba in der Pampa! Ich bin sinnlos! Es gibt noch viel zu tun - fangt schon mal an. Die Weisheit jagt mich - doch ich bin schneller. Es gibt viel zu tun - warten wir's ab. Es gibt viel zu tun - warten wir's ab. Wo wir sind, klappt nichts - doch wir können nicht überall sein. Wir wissen nicht, was wir wollen - doch das mit ganzer Kraft. Spontaneität muß wohlüberlegt sein. Laßt uns doch die alten Fehler wieder begehen, Genossen! Kommt, laßt uns alle anders sein als ich. Ich bleib' meinem Motto treu - schwul, pervers und arbeitsscheu. Ich mach' mir meine Karastrophen selber. Fighting for peace is like fucking for virginity. Take ist easy - but take it! Lieber locker vom Hocker als hektisch über'n Ecktisch. Am Morgen ein Joint. und der Tag ist dein Freund. Lieber arm dran als Arm ab. Lieber ein offenes Hemd als ein offenes Bein. Besser heimlieh schlau als unheimlich doof. Keine Panik auf der Titanic. Morgenstund ist ungesund. Trau keinem über 30! Leben - jetzt! Live fast - die young! High sein, frei sein, Sonne muß dabei sein! Frauen haben Männer so nötig wie Fische ein Fahrrad. Frauen sind Männersache. Lieber Sonne im Herzen als Eis am Stiel. Nicht reden - werfen! Lieber Oberursel statt unter Ursel. Unordnung: wo nichts am rechten Platz ist - Ordnung: wo am rechten Plarz nichts ist. Lieber bekifft als High Society. Auch die Linke braucht Pinke. Freiheit für alle - weg mit der Schwerkraft! Freiheit für Luis Trenker - nieder mit dem Watzmann! Baut keine neuen Atomraketen, bevor die alten nicht verbraucht sind! |
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